Das Wichtigste in Kürze

  • Leistenschmerz im Ausdauersport ist meist adduktorenbedingt, also eine Überlastung am Sehnenansatz der Oberschenkel-Innenseite, nicht ein Leistenbruch. Bis zu zwei Drittel aller Leistenschmerzen bei Sportlern entfallen auf diese Ursache (Dinis 2024).
  • Die Doha-Klassifikation sortiert Leistenschmerz in klare Gruppen: adduktoren-, iliopsoas-, leistenkanal- und schambeinbezogen sowie hüftbezogen. Diese saubere Zuordnung über Tast- und Provokationstests steuert die ganze Behandlung (Weir et al. 2015).
  • Schonung ist nicht die Therapie, aktives Krafttraining ist es. Im Lancet-RCT von Hölmich kehrten 23 von 29 Athleten mit aktivem Training schmerzfrei zum Sport zurück, in der Passivgruppe nur 4 von 30 (Hölmich 1999).
  • Die Copenhagen Adduction steigerte die exzentrische Adduktorenkraft in 8 Wochen um rund 36 Prozent (Ishøi 2016). Ein Adduktoren-Programm senkte das Risiko für Leistenprobleme über eine Saison um 41 Prozent (Harøy 2019).
  • Red Flags gehören zum Arzt: eine tastbare, beim Husten vorwölbende Schwellung, ein plötzlicher Riss mit Bluterguss oder Schmerz mit Fieber sprechen für einen echten Leistenbruch oder eine andere Ursache und nicht für die Adduktoren.

Was adduktorenbedingter Leistenschmerz ist

Adduktorenbedingter Leistenschmerz ist meist kein Leistenbruch, sondern eine Überlastung am Sehnenansatz der Oberschenkel-Innenseite, dort wo die Adduktoren am Schambein ansetzen. Drücken die inneren Adduktoren auf Druck und beim festen Zusammenpressen der Knie weh, ist das typisch. Behandelt wird er mit progressivem Krafttraining wie der Copenhagen Adduction, nicht mit Schonung.

Leiste und Oberschenkel-Innenseite sind eine der häufigsten Schmerzzonen bei Läufern, Radfahrern und Triathleten, und gleichzeitig eine der am häufigsten falsch eingeordneten. Der typische adduktorenbedingte Leistenschmerz sitzt nicht als diffuses Ziehen irgendwo in der Leiste, sondern lässt sich erstaunlich genau lokalisieren: am Übergang vom Schambein zur Innenseite des Oberschenkels, dort wo die Adduktoren (vor allem der Musculus adductor longus) am Knochen ansetzen. Die Adduktoren sind die Muskelgruppe, die die Beine zur Körpermitte zieht und das Becken bei jedem Schritt und jeder Pedalumdrehung gegen seitliches Wegkippen stabilisiert. Genau diese Doppelrolle, Bewegung erzeugen und gleichzeitig stabilisieren, macht den Ansatz anfällig für Überlastung.

Adduktorenbedingter Leistenschmerz ist mit Abstand die häufigste Form. In der klinischen Literatur entfallen bis zu zwei Drittel aller Leistenschmerzen bei Sportlern auf diese Ursache, und chronischer Leistenschmerz macht rund 15 Prozent aller Sportverletzungen aus (Dinis 2024). Das Problem entwickelt sich meist schleichend. Erst zwickt es nach harten Einheiten, dann auch beim Antritt, beim Sprint, beim Anfahren am Berg oder beim Abdruck im Wasser. Charakteristisch sind zwei Provokationstests, die du selbst grob nachvollziehen kannst: Schmerz beim festen Zusammenpressen der Knie gegen Widerstand (isometrische Adduktion) und Druckschmerz direkt am Sehnenansatz am Schambein. Sind beide positiv, ist die Diagnose klinisch sehr wahrscheinlich adduktorenbedingt. Verwandte Lauf-Überlastungen wie das patellofemorale Läuferknie entstehen am Knie, der adduktorenbedingte Leistenschmerz dagegen tief an der Beckenfront.

Doha-Klassifikation und die Abgrenzung zum Leistenbruch

Damit nicht jeder Leistenschmerz zum diffusen „irgendwas in der Leiste" wird, hat sich 2015 eine internationale Expertengruppe auf eine einheitliche Sprache geeinigt: die Doha-Übereinkunft. Sie teilt Leistenschmerz beim Sportler in drei Ebenen. Erstens definierte klinische Entitäten, die sich über Tastbefund und Provokationstests zuordnen lassen: adduktorenbezogen, iliopsoasbezogen (tiefer Hüftbeuger), leistenkanalbezogen (inguinal) und schambeinbezogen (pubisch). Zweitens hüftbezogener Leistenschmerz, bei dem das Hüftgelenk selbst die Quelle ist. Drittens andere Ursachen, die nicht in dieses Muster passen. Diese Einteilung ist kein akademisches Detail, sie steuert die Behandlung: Ein adduktorenbezogenes Problem braucht Adduktorenkraft, ein hüftbezogenes eine ganz andere Abklärung.

Athlet sitzt auf einer Physio-Behandlungsliege und presst einen kleinen Ball zwischen den Knien zusammen, während eine Therapeutin den Test daneben beobachtet
Der einfachste Provokationstest: Schmerz beim festen Zusammenpressen der Knie gegen Widerstand spricht stark für eine adduktorenbedingte Ursache. Zusammen mit dem Druckschmerz am Schambeinansatz ist die Diagnose dann klinisch sehr wahrscheinlich.

Drei Differenzialdiagnosen solltest du kennen. Der echte Leistenbruch (Inguinalhernie) ist eine Lücke in der Bauchwand, durch die sich Gewebe vorwölbt. Er macht eine tastbare, oft beim Husten oder Pressen größer werdende Schwellung und gehört ärztlich abgeklärt, nicht ins Krafttraining. Die hüftbezogene Variante, etwa ein femoroacetabuläres Impingement (FAI), erzeugt Schmerz eher tief in der Leiste oder vorne in der Hüfte, oft beim tiefen Beugen und Eindrehen. Das Warwick-Konsensuspapier definiert das FAI-Syndrom über die Kombination aus Symptomen, klinischen Zeichen und Bildgebung (Griffin et al. 2016). Und die Osteitis pubis (schambeinbezogen) ist eine Überlastungsreaktion der Schambeinfuge selbst, mit Druckschmerz mittig über der Symphyse. Häufig überlappen sich diese Entitäten, ein Athlet kann mehrere gleichzeitig haben, was die Doha-Sprache so nützlich macht.

Ursachen und Risikofaktoren beim Ausdauersportler

Adduktorenbedingter Leistenschmerz ist fast immer eine Überlastungsgeschichte, kein einzelner Unfall. Der Sehnenansatz verträgt eine bestimmte Belastung. Steigt das Trainingsvolumen, die Intensität oder der Anteil an Antritten, Sprints und Bergstücken schneller, als das Gewebe sich anpasst, kippt die Bilanz. Beim Laufen entsteht die Last vor allem aus der Beckenstabilisierung in der Standphase und aus schnellen Richtungs- und Tempowechseln. Beim Radfahren aus der wiederholten Hüftbeugung und dem Zug der Adduktoren über tausende Pedalumdrehungen, beim Schwimmen aus dem Beinschlag, besonders dem Brustbeinschlag.

Der am besten belegte beeinflussbare Risikofaktor ist die Adduktorenkraft selbst, vor allem im Verhältnis zur Abduktorenkraft. In einer Untersuchung an Eishockeyspielern hatten Athleten mit einer Adduktorenkraft von höchstens 80 Prozent der Abduktorenkraft ein etwa 17-fach höheres Risiko für eine Adduktorenverletzung (Dinis 2024). Ein systematischer Review von 2025 bestätigt das Muster: Symptomatische Athleten zeigten eine reduzierte exzentrische Adduktionskraft (2,47 gegenüber 3,12 Nm/kg), während die isometrische Kraft sich nicht unterschied. Auch eine frühere Leistenverletzung und eine unzureichende Vorbereitung in der Saisonvorbereitung erhöhten das Risiko deutlich (Martins et al. 2025). Diese Daten stammen überwiegend aus Mannschaftssportarten mit vielen Richtungswechseln, doch der übertragbare Mechanismus, exzentrische Adduktorenlast und Beckenstabilisierung, gilt genauso für den repetitiven Reiz im Ausdauersport. Die gute Nachricht daran: Kraft ist trainierbar. Genau hier setzt die Reha an. Eine stabile Rumpfmuskulatur ergänzt das, weil sie das Becken bei jedem Schritt mit kontrolliert.

Reha mit progressiver Kräftigung statt Schonung

Die wichtigste Botschaft zuerst, weil sie der häufigsten Intuition widerspricht: Schonung ist nicht die Therapie. Das zeigte schon das wegweisende Lancet-RCT von Hölmich aus dem Jahr 1999. Athleten mit langwierigem adduktorenbedingtem Leistenschmerz wurden in zwei Gruppen geteilt, aktives Krafttraining gegen passive Physiotherapie aus Massage, Dehnen und Elektrotherapie. In der aktiven Gruppe kehrten 23 von 29 schmerzfrei zum Sport zurück, in der passiven nur 4 von 30, ein Vorteil, der sich in einer Odds Ratio von rund 12,7 niederschlägt (Hölmich 1999). Ein systematischer Review bestätigt: Aktive Übungen schlagen passive Maßnahmen, und die Evidenz ist umso überzeugender, je sauberer die Studien gemacht sind (Serner et al. 2015).

Rückkehr zum Sport ohne Leistenschmerz: aktiv vs. passiv

Anteil zurück zum Sport (%) 0 25 50 75 79 % 23 von 29 Aktives Krafttraining 13 % Passive Physiotherapie 4 von 30
Wegweisendes RCT zu langwierigem adduktorenbedingtem Leistenschmerz: aktives, progressives Krafttraining brachte deutlich mehr Athleten schmerzfrei zurück als passive Maßnahmen (Hölmich et al. 1999).

Das praktische Kernwerkzeug der letzten Jahre ist die Copenhagen Adduction Exercise, eine Seitstütz-Variante, bei der das obere Bein auf einer Bank oder einem Partner liegt und der Körper über die Adduktoren des oberen Beins gehoben und gehalten wird. Im RCT von Ishøi steigerte sie die exzentrische Adduktionskraft in 8 Wochen um rund 36 Prozent, die Abduktionskraft um etwa 20 Prozent, bei sehr hoher Trainingstreue (Ishøi 2016). Eingebettet in ein strukturiertes Adduktoren-Programm senkte dieser Ansatz im Cluster-RCT von Harøy das Risiko für Leistenprobleme über eine Saison um 41 Prozent (Odds Ratio 0,59) (Harøy 2019).

Läuferin macht zu Hause auf einer Matte die Copenhagen-Adduction-Übung im Seitstütz, das obere Bein liegt auf einer niedrigen Holzbank, die Hüfte ist zu einer geraden Linie angehoben
Die Copenhagen Adduction im Seitstütz: Das obere Bein liegt auf einer Bank, der Körper wird über die Adduktoren in eine gerade Linie gehoben und gehalten. Sie trainiert genau die exzentrische Kraft, deren Schwäche das Risiko erhöht.

Die Reha läuft schmerzadaptiert und progressiv. Du beginnst mit isometrischer Adduktion, etwa die Knie gegen einen Ball oder die Faust pressen, was meist gut tolerabel ist. Dann gehst du über in geführte konzentrisch-exzentrische Übungen und steigerst dich zur vollen Copenhagen Adduction, bevor sport-spezifische Belastung wie Antritte, Sprints und intensive Einheiten zurückkommt. Ein moderater Schmerz von etwa 3 bis 4 auf einer Skala bis 10 während der Übung ist erlaubt, solange er bis zum nächsten Tag wieder abklingt. Genau dieses Prinzip kennst du aus der Reha anderer Sehnen-Überlastungen, etwa der Achillessehnen-Tendinopathie.

Beispiel-Programm

Adduktorenkraft gegen Leistenschmerz aufbauen

3 bis 4× pro Woche Schmerz max. 3 bis 4 von 10 über Wochen progressiv
  1. Isometrische Adduktion: die Knie gegen einen festen Ball oder die Faust pressen und halten. Gut tolerabler Einstieg, der den Ansatz schmerzarm belastet.
  2. Side-lying-Adduktion: in Seitlage das untere Bein langsam heben und senken, das obere Bein abgelegt. Führt geführt in den konzentrisch-exzentrischen Bereich.
  3. Copenhagen Adduction (Aufbau): im Seitstütz mit dem oberen Bein auf einer Bank, zunächst mit angewinkeltem Knie, dann mit gestrecktem Bein die Hüfte heben und halten.
  4. Sport-spezifische Last zuletzt: erst wenn die Kraft sitzt, Antritte, Sprints und Bergstücke schrittweise wieder einbauen, nicht sofort von null auf voll.

Beispielhafte Orientierung aus der zitierten Evidenz, kein individueller Trainingsplan. Steige niedrig belastet ein und kläre Warnzeichen wie eine tastbare Schwellung, einen plötzlichen Riss oder Schmerz mit Fieber vorab ärztlich ab.

Belastungssteuerung und Red Flags

Krafttraining behebt die Schwäche, aber wer die Belastung nicht steuert, läuft genau in dasselbe Problem zurück. Steigere Volumen und Intensität schrittweise, nicht sprunghaft, und gönne dem Sehnenansatz nach harten Reizen Erholung. Antritte, Sprints, Berg- und Intervalleinheiten sind die Belastungen, die den Adduktorenansatz am stärksten fordern, also baust du sie zuletzt und am vorsichtigsten wieder ein. Eine Meta-Analyse von Präventionsprogrammen fand zwar nur eine nicht signifikante Risikoreduktion von rund 19 Prozent über alle Studien hinweg, was vor allem an der damals dünnen Datenlage lag (Esteve 2015). Doch die seither dazugekommenen, methodisch besseren RCTs wie Harøy stützen den präventiven Wert eines konsequenten Adduktorenprogramms klar. Halte als Faustregel die Adduktorenkraft auf mindestens dem Niveau der Abduktoren, und nähere dich vollen Umfängen über einen strukturierten Return-to-Sport an statt sofort wieder Vollgas zu geben.

Es gibt aber Situationen, in denen Krafttraining die falsche Antwort ist und du ärztlich abklären lassen musst. Eine tastbare Schwellung in der Leiste, die sich beim Husten oder Pressen vorwölbt, deutet auf einen echten Leistenbruch (Hernie). Ein plötzlicher, reißender Schmerz mit raschem Bluterguss spricht für einen akuten Muskel- oder Sehnenriss. Schmerz in Ruhe oder nachts, Fieber, allgemeines Krankheitsgefühl, ungewollter Gewichtsverlust oder Schmerz, der trotz konsequenter Reha über Wochen kein bisschen besser wird, sind ebenfalls Gründe für eine Abklärung. Auch ein tiefer, einklemmender Hüftschmerz beim Beugen und Eindrehen gehört untersucht, weil dann eher die Hüfte (FAI) als die Adduktoren die Quelle ist. Im Zweifel gilt: Die häufigste Ursache ist die harmlose, aber die seltenen sind die, die du nicht übersehen darfst.

So fasst du es zusammen

Innenseite, nicht Bauchwand

Schmerz am Sehnenansatz der Oberschenkel-Innenseite, der auf Druck und beim Knie-Zusammenpressen wehtut, spricht für die Adduktoren. Eine vorwölbende Schwellung dagegen für einen Leistenbruch.

Doha ordnet ein

Adduktoren-, iliopsoas-, leistenkanal-, schambein- oder hüftbezogen: Die Doha-Klassifikation trennt die Ursachen sauber und legt damit fest, was die richtige Behandlung ist.

Kraft ist der Risikofaktor

Eine schwache exzentrische Adduktorenkraft, besonders unter dem Niveau der Abduktoren, erhöht das Risiko deutlich. Genau das lässt sich trainieren.

Aktiv schlägt passiv

Progressives Krafttraining bringt deutlich mehr Athleten schmerzfrei zurück als Massage, Dehnen und Schonung. Die Copenhagen Adduction ist das Kernwerkzeug.

Belastung dosieren

Volumen, Tempo und Berge schrittweise steigern und intensive Reize zuletzt einbauen. Halte die Adduktorenkraft mindestens auf Höhe der Abduktoren.

Red Flags kennen

Vorwölbende Schwellung, plötzlicher Riss, Schmerz in Ruhe, Fieber oder keine Besserung über Wochen gehören ärztlich abgeklärt, nicht weggetrainiert.