Das Wichtigste in Kürze

  • Häufiger als gedacht. Belastungsasthma (Exercise-Induced Bronchoconstriction, EIB) tritt bei Elite- und Ausdauerathleten mit 30 bis 70 Prozent deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung (5 bis 20 Prozent).
  • Der Auslöser ist Austrocknung, nicht Anstrengung. Hohe Atemvolumina trocknen und kühlen die Atemwege aus. Das setzt entzündliche Botenstoffe frei und verengt die Bronchien. Kalte, trockene Luft und Chlor im Schwimmbad verstärken den Effekt.
  • Diagnose gehört nicht ins Bauchgefühl. Belegt ist EIB erst durch einen objektiven Test mit mindestens 10 Prozent Abfall des FEV1 nach Belastung oder eukapnischer Hyperventilation.
  • Intensives Aufwärmen schützt messbar. Ein hoch-intensives oder variables Aufwärmen erzeugt eine Refraktärphase und senkt den FEV1-Abfall, gleichmäßiges Einrollen tut das nicht.
  • Medikamentös klar geregelt. Erste Wahl ist ein Beta-2-Spray vor der Belastung, bei Persistenz zusätzlich ein inhalatives Kortikosteroid. Im Wettkampf gelten WADA-Dosisgrenzen, eine objektive Diagnose ist die Voraussetzung.

Was ist Belastungsasthma und warum trifft es Ausdauersportler so oft?

Belastungsasthma ist eine vorübergehende Verengung der Atemwege, ausgelöst durch das Austrocknen der Schleimhäute bei hoher Atemfrequenz unter Belastung. Bei Ausdauerathleten liegt die Häufigkeit bei 30 bis 70 Prozent, weit über den 5 bis 20 Prozent der Allgemeinbevölkerung. Diagnostisch gesichert ist sie durch einen Abfall des FEV1 um mindestens 10 Prozent. Wirksam sind intensives Aufwärmen und ein Beta-2-Spray vor dem Training.

Der Fachbegriff lautet Exercise-Induced Bronchoconstriction, kurz EIB. Viele Ausdauersportler tragen sie mit sich herum, ohne es zu wissen. Sie schreiben den Husten nach dem Training, das Engegefühl auf den letzten Kilometern oder eine Leistung hinter der Erwartung ihrer angeblich mangelnden Form zu. Tatsächlich bremst eine unbehandelte Bronchokonstriktion die Sauerstoffaufnahme genau dann, wenn es zählt.

Die gute Nachricht: EIB ist gut verstanden und gut behandelbar. Dieser Artikel erklärt, was im Körper passiert, wer besonders betroffen ist, wie eine saubere Diagnose aussieht und welche Strategien, von der Aufwärmroutine bis zur leitliniengerechten Medikation, wirklich helfen. Es ist eng verwandt mit dem, was du über dein Immunsystem unter Belastung wissen solltest: Auch hier reagiert der Körper auf den Stress des Trainings, nur an einem anderen Organ.

Was im Körper passiert: der Mechanismus

Belastungsasthma ist ein irreführender Name, denn es geht nicht um eine eigene Asthmaform, sondern um ein Symptom: die akute, vorübergehende Verengung der Atemwege während oder kurz nach körperlicher Belastung. Wichtig ist eine Unterscheidung. EIB kann bei Menschen mit diagnostiziertem Asthma auftreten, dann sprechen Fachleute von EIB mit Asthma. Sie kann aber auch Athleten treffen, die außerhalb des Sports nie Atemprobleme haben, das ist EIB ohne Asthma. Rund 90 Prozent aller Asthmatiker erleben unter Belastung eine Bronchokonstriktion, aber EIB ist eben nicht auf sie beschränkt.

Der Mechanismus hat wenig mit Trainingsschwäche zu tun. Unter Belastung steigt das Atemminutenvolumen von etwa 6 bis 10 Litern in Ruhe auf 100 bis 200 Liter pro Minute. Die Nase, die einströmende Luft normalerweise anwärmt und befeuchtet, wird dabei umgangen, weil du durch den Mund atmest. Diese riesigen Luftmengen müssen in Sekunden angefeuchtet und temperiert werden. Dabei verdunstet Wasser von der Schleimhautoberfläche der Atemwege schneller, als es nachgeliefert werden kann. Die Atemwegsoberfläche trocknet aus, die Salzkonzentration in der dünnen Flüssigkeitsschicht steigt. Diesen osmotischen Reiz beantworten Mastzellen mit der Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe wie Histamin und Leukotrienen. Die glatte Muskulatur der Bronchien zieht sich zusammen, die Atemwege verengen sich.

Bei Athleten ohne Asthma kommt ein zweiter Faktor dazu: eine wiederholte Schädigung des Atemwegsepithels, etwa durch das jahrelange Einatmen kalter, trockener oder schadstoffbelasteter Luft. Genau deshalb ist EIB im Ausdauersport so verbreitet. Hohe, lang anhaltende Atemvolumina sind das Wesen der Sportart. Wer über Stunden im oberen Grundlagen- oder Schwellenbereich atmet, setzt seine Atemwege einem osmotischen Dauerstress aus, den ein Freizeitsportler bei einem kurzen Spaziergang nie erlebt.

Wer betroffen ist und warum Ausdauersport das Risiko erhöht

Die Zahlen sind eindeutig. Während in der Allgemeinbevölkerung 5 bis 20 Prozent eine Form von EIB zeigen, liegt die Häufigkeit bei Elite- und Ausdauerathleten bei 30 bis 70 Prozent. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von Rodriguez Bauza und Silveyra (2020), die 60 Studien mit 7.501 erwachsenen Athleten auswertete, fand eine gepoolte EIB-Prävalenz von 23 Prozent über alle Sportarten hinweg. In den Ausdauer-, Winter- und Wassersportarten lag sie deutlich höher.

Wie häufig ist Belastungsasthma? Prävalenz nach Gruppe

0 20 40 60 80 Allgemeinbevölkerung 5–20 % Athleten gesamt (Ø) 23 % Schwimmer ≈50 % Ausdauer-/Wintersport 30–70 % EIB-Prävalenz in Prozent (Anteil mit ≥10 % FEV1-Abfall)
Belastungsasthma ist bei Ausdauer-, Winter- und Wassersportlern deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Werte als Prävalenzbereiche bzw. gepoolter Mittelwert (Rodriguez Bauza & Silveyra 2020; Aggarwal et al. 2018).

Besonders betroffen sind drei Gruppen. Erstens Wintersportler und alle, die regelmäßig in kalter, trockener Luft trainieren: Langläufer, Biathleten, aber auch Läufer und Radfahrer im Winterhalbjahr. Kalte Luft kann pro Volumen kaum Feuchtigkeit transportieren, der osmotische Reiz wird maximal. Zweitens Schwimmer, bei denen die EIB-Prävalenz bei etwa 50 Prozent liegt. Hier ist nicht Kälte, sondern das Chlor und seine Nebenprodukte über der Wasseroberfläche der Reiztreiber. Drittens alle Sportler in Disziplinen mit sehr hohem Dauer-Atemvolumen, also klassisch der Ausdauerbereich.

Schwimmer pausiert am Beckenrand eines Hallenbads zwischen zwei Sätzen, Schwimmbrille hochgeschoben, atmet schwer mit angehobenen Schultern, feuchter Dunst über der Wasseroberfläche
Schwimmer sind mit rund 50 Prozent eine der am stärksten betroffenen Gruppen. Nicht Kälte, sondern Chlor und seine Nebenprodukte in der feuchten Hallenluft reizen hier die Atemwege.

Interessant ist der Befund zum Geschlecht. Die Meta-Analyse fand keine statistisch signifikante Differenz in der reinen EIB-Häufigkeit zwischen Männern (17 Prozent) und Frauen (13 Prozent). Wohl aber war die atopische, also allergisch mitbedingte Form bei Männern deutlich häufiger (36 gegenüber 15 Prozent bei atopischen Athletinnen). EIB ist also kein reines Männer- oder Frauenproblem, aber die Allergie-Komponente verteilt sich unterschiedlich. Der wichtigste praktische Punkt bleibt: Viele betroffene Ausdauerathleten wissen gar nicht, dass sie EIB haben.

Symptome erkennen und richtig diagnostizieren

Die typischen Beschwerden sind unspezifisch und werden leicht fehlgedeutet: Husten, oft das einzige Zeichen und vor allem in den Minuten nach Belastungsende, Pfeifen oder Giemen beim Ausatmen, Engegefühl in der Brust, Atemnot, die nicht zur Intensität passt, und eine ungewöhnlich lange Erholungszeit der Atmung. Charakteristisch ist der zeitliche Verlauf: Die Atemwege verengen sich meist nicht zu Beginn, sondern nach 5 bis 10 Minuten intensiver Belastung, häufig mit dem stärksten Effekt 5 bis 15 Minuten nach dem Aufhören. Genau dieser Nachbelastungs-Husten ist ein klassisches Warnsignal.

Hier liegt der häufigste Fehler: Belastungsasthma lässt sich nicht zuverlässig anhand von Symptomen diagnostizieren. Studien zeigen immer wieder, dass die Selbsteinschätzung sowohl viele Betroffene übersieht als auch viele Gesunde fälschlich einsortiert. Die offizielle Leitlinie der American Thoracic Society (Parsons et al., 2013) verlangt deshalb einen objektiven Nachweis. Der Goldstandard ist die Messung des FEV1, des forcierten exspiratorischen Volumens in einer Sekunde, vor und nach einer Provokation. Als positiv gilt ein Abfall des FEV1 um mindestens 10 Prozent gegenüber dem Ausgangswert.

Provoziert wird entweder durch standardisierte Belastung auf Laufband oder Ergometer oder, sensitiver und im Sport bevorzugt, durch eukapnische willkürliche Hyperventilation (EVH). Dabei atmest du für sechs Minuten ein trockenes Gasgemisch mit erhöhtem Volumen, was den osmotischen Reiz des Wettkampfs nachstellt. EVH gilt als der von der Medizinischen Kommission des IOC empfohlene optimale Test, gerade weil reine Symptomangaben so unzuverlässig sind. Wenn du also nach hartem Training regelmäßig hustest oder pfeifst, ist der richtige Weg nicht das Spray aus dem Internet, sondern ein Lungenfunktionstest beim Sport- oder Lungenmediziner. Das ist auch deshalb wichtig, weil andere Ursachen wie eine Verengung der oberen Atemwege oder schlicht Übertraining ähnliche Symptome machen können.

Was wirklich hilft, ohne Medikamente

Bevor du an Medikamente denkst, gibt es nicht-medikamentöse Maßnahmen mit echter Evidenz. Die wirksamste ist ein gezieltes Aufwärmen. Nach einer ersten intensiven Belastung folgt bei vielen Betroffenen eine sogenannte Refraktärphase von ein bis vier Stunden, in der eine erneute Belastung deutlich weniger Bronchokonstriktion auslöst, weil die Mastzellen ihre Botenstoffe bereits entleert haben.

Läufer mitten in einem kurzen, harten Steigerungslauf auf einer leeren Tartanbahn vor der Haupteinheit, Körper in den Sprint geneigt, ein Fuß stößt sich von der abgenutzten Bahn ab
Kurze, kräftige Belastungsspitzen vor der eigentlichen Einheit erzeugen die Refraktärphase. Genau dieses hoch-intensive, variable Aufwärmen schützt die Atemwege, lockeres Einrollen tut es nicht.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Stickland und Kollegen (2012) hat verglichen, welche Aufwärmform diese Schutzwirkung am besten erzeugt. Ein Aufwärmen mit hoher Intensität (mittlere Differenz minus 10,6 Prozent) oder ein variables Aufwärmen mit wechselnden Intensitäten (minus 10,9 Prozent) reduzierten den anschließenden FEV1-Abfall signifikant. Ein gleichmäßiges Aufwärmen mit niedriger oder mit durchgehend hoher Intensität brachte dagegen keinen statistisch gesicherten Schutz. Praktisch heißt das: kurze, kräftige Belastungsspitzen, etwa mehrere 30-Sekunden-Sprints mit Pausen, 10 bis 15 Minuten vor dem eigentlichen Start, statt locker einzurollen. Wer ohnehin mit intensiven Intervallen arbeitet, kennt die nötige Intensität bereits.

Zweite Säule ist das Konditionieren der eingeatmeten Luft. Bei Kälte hilft ein über Mund und Nase gezogenes Tuch, ein Buff oder eine Wärmetausch-Maske, die die ausgeatmete Wärme und Feuchtigkeit teilweise zurückgewinnt und die einströmende Luft anwärmt. Das senkt den osmotischen Reiz direkt an der Quelle. Wo möglich, lohnt es sich, intensive Einheiten bei sehr kalter oder stark schadstoffbelasteter Luft zu verlegen oder zu entschärfen.

Drittens gibt es Hinweise auf einen Ernährungseinfluss, allerdings auf schwächerer Evidenzbasis: Eine natriumarme Kost, eine an Omega-3-Fettsäuren reiche Ernährung und eine Supplementierung mit Vitamin C können den Schweregrad der EIB bei einem Teil der Betroffenen abmildern. Das ersetzt keine Therapie, kann sie aber ergänzen. Auch ein gut trainiertes Atemsystem hilft indirekt, weil es das nötige Atemvolumen bei gegebener Belastung senkt. Gezieltes Atemmuskeltraining ist dafür ein eigenes, gut untersuchtes Werkzeug.

Medikamente und der Sonderfall Wettkampf

Reichen die nicht-medikamentösen Strategien nicht aus, ist die Behandlung klar geregelt. Die ATS-Leitlinie (Parsons et al., 2013) spricht eine starke Empfehlung aus für ein kurzwirksames Beta-2-Sympathomimetikum (Short-Acting Beta-2-Agonist, SABA, etwa Salbutamol), inhaliert rund 15 Minuten vor der Belastung. Es weitet die Bronchien und ist für die meisten Betroffenen die erste Wahl. Wer trotz SABA vor jeder Einheit Beschwerden hat oder das Spray fast täglich braucht, sollte nicht einfach die Dosis erhöhen. Stattdessen empfiehlt die Leitlinie zusätzlich eine tägliche Basistherapie: ein inhalatives Kortikosteroid (ICS), das die zugrunde liegende Atemwegsentzündung dämpft, alternativ einen Leukotrien-Rezeptor-Antagonisten oder einen Mastzellstabilisator vor der Belastung. Der tägliche Gebrauch eines SABA als alleinige Dauerlösung ist ein Warnzeichen für eine unzureichend kontrollierte Erkrankung und gehört ärztlich überprüft.

Für Wettkampfsportler kommt die Anti-Doping-Dimension hinzu. Inhalative Beta-2-Sympathomimetika stehen grundsätzlich auf der Liste, sind aber in definierten Grenzen erlaubt. Nach der Übersichtsarbeit von Allen und Kollegen (2019) dürfen drei inhalative Wirkstoffe ohne Therapeutische Ausnahmegenehmigung (TUE) verwendet werden, sofern die Dosisgrenzen eingehalten werden: Salbutamol bis maximal 1600 Mikrogramm pro 24 Stunden (höchstens 800 µg in 12 Stunden), Formoterol bis 54 Mikrogramm pro 24 Stunden und Salmeterol bis 200 Mikrogramm pro 24 Stunden. Inhalative Kortikosteroide sind ohne TUE jederzeit erlaubt. Alle nicht-inhalativen Beta-2-Sympathomimetika sowie systemische Kortikosteroide im Wettkampf brauchen dagegen eine Ausnahmegenehmigung.

Praktisch heißt das für ambitionierte Athleten: Lass die Diagnose objektiv, am besten per EVH, dokumentieren, halte dich an die zugelassenen Wirkstoffe und Dosen und kläre alles Weitere mit einem sportmedizinisch versierten Arzt. So bleibt die Behandlung wirksam und regelkonform. Unterm Strich ist Belastungsasthma im Ausdauersport häufig, gut behandelbar und kein Grund, das Training einzuschränken. Der Fehler ist, es zu ignorieren oder im Alleingang zu behandeln. Der richtige Weg ist die objektive Diagnose, das intensive Aufwärmen als Basis und, wo nötig, die leitliniengerechte Medikation.