Das Wichtigste in Kürze

  • Greater Trochanteric Pain Syndrome (GTPS) ist heute der Oberbegriff für seitlichen Hüftschmerz über dem Trochanter major. Die Hauptursache ist meist keine isolierte Schleimbeutel-Entzündung, sondern eine Gluteal-Tendinopathie der Sehnen von Gluteus medius und minimus, oft mit begleitender Bursa-Reizung.
  • Das Leitsymptom ist Druck und Schmerz direkt seitlich am Knochenvorsprung, typisch beim Liegen auf der betroffenen Seite, beim Treppensteigen, beim einbeinigen Stehen und nach längeren Läufen.
  • Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer (rund 15 gegenüber 8 Prozent), mit einem Häufigkeitsgipfel um die 40 bis 60 Jahre. Klassischer Auslöser bei Läuferinnen und Läufern ist eine zu schnelle Steigerung von Umfang oder Tempo.
  • Der Schmerzort grenzt GTPS ab: seitlich über dem Knochen, nicht tief im Gesäß (Piriformis), nicht am Innenschenkel oder in der Leiste (Adduktoren), nicht vorn-mittig in der Leiste (Iliopsoas).
  • Erste Wahl ist Belastungs-Reha, nicht die Spritze zuerst: Aufklärung plus Lastmanagement und Krafttraining schlägt die Spritze deutlich (Mellor et al. 2018), und eine Meta-Analyse stützt eine starke Empfehlung für Bewegung als Erstbehandlung (Kjeldsen et al. 2024).

Was das Greater Trochanteric Pain Syndrome ist

Der Trochanter major ist der knöcherne Vorsprung, den du seitlich an der Hüfte ertasten kannst, etwa eine Handbreit unterhalb der Hüftknochenkante. An ihm setzen die Sehnen des Gluteus medius und des Gluteus minimus an, deiner beiden wichtigsten Hüftabduktoren. Sie halten dein Becken stabil, sobald du auf einem Bein stehst, also bei jedem einzelnen Laufschritt. Zwischen Sehne und Knochen liegen mehrere Schleimbeutel, die als Gleitlager dienen.

Lange Zeit hieß seitlicher Hüftschmerz pauschal Trochanter-Bursitis, als wäre der entzündete Schleimbeutel der Hauptschuldige. Die moderne Sicht ist eine andere. Bildgebende Studien finden bei seitlichem Hüftschmerz deutlich häufiger Veränderungen an den Sehnen selbst: Tendinose, Verdickung und Teileinrisse der Gluteal-Sehnen, ähnlich wie bei einer Rotatorenmanschette an der Schulter (Gomez et al. 2024). Die reine, isolierte Bursitis ohne Sehnenbeteiligung ist seltener als gedacht. Deshalb fasst man das Beschwerdebild heute unter dem Oberbegriff Greater Trochanteric Pain Syndrome (GTPS) zusammen und versteht die Gluteal-Tendinopathie als treibenden Mechanismus. Das ist kein Wortspiel, sondern entscheidet die Behandlung: Eine gereizte Sehne braucht dosierte Last, nicht primär eine entzündungshemmende Spritze. Es ist dieselbe Mechanik wie eine Tendinopathie an der Achillessehne, nur an der Außenseite der Hüfte.

GTPS ist häufiger, als man denkt. Schätzungen sprechen von rund 15 Prozent der Frauen und 8 Prozent der Männer, die im Lauf des Lebens betroffen sind, mit einer jährlichen Neuerkrankungsrate um 1,8 pro 1000 Menschen (Gomez et al. 2024). Der Häufigkeitsgipfel liegt zwischen 40 und 60 Jahren, ein zweiter, kleinerer findet sich bei jüngeren, aktiven Sportlern. Frauen tragen ein zwei- bis fünffach höheres Risiko, was unter anderem an der breiteren Beckengeometrie und dem dadurch steileren Zug der Sehne über den Knochen liegt.

Symptome: Druck seitlich und Schmerz beim Liegen

Das Leitsymptom ist klar lokalisierbar: Schmerz und Druckempfindlichkeit direkt seitlich am Trochanter major, genau dort, wo du den Knochenvorsprung tasten kannst. Tippst du mit dem Finger darauf, springt der Schmerz an. Er strahlt manchmal an der Außenseite des Oberschenkels nach unten, hört aber typischerweise oberhalb des Knies auf und zieht nicht wie ein Ischias ins Unterbein.

Das vielleicht charakteristischste Zeichen ist Schmerz beim Liegen auf der betroffenen Seite. Viele Betroffene wachen nachts auf, weil der Druck auf die seitliche Hüfte unerträglich wird, und auch das Liegen auf der gesunden Seite tut weh, wenn das obere Bein nach innen kippt und die Sehne über den Knochen spannt. Im Alltag flammt der Schmerz beim Treppensteigen auf, beim Aufstehen nach langem Sitzen, beim einbeinigen Stehen (etwa beim Anziehen einer Hose) und beim Überschlagen der Beine. Beim Laufen meldet er sich oft erst nach einer Weile, baut sich über die Distanz auf und ist am nächsten Morgen besonders steif. Längeres Stehen mit ausgestelltem Becken, also die Hüfte zur Seite geschoben, verschärft das ebenfalls, weil es die Sehne komprimiert.

Ursachen: Kompression, Last und zu schnelle Steigerung

GTPS ist im Kern eine Überlastungsgeschichte mit einer wichtigen Besonderheit: Es ist nicht nur Zug, sondern vor allem Kompression, die die Gluteal-Sehnen reizt. Immer wenn der Oberschenkel über die Körpermitte adduziert, also nach innen geführt wird, presst der Trochanter major die Sehne gegen sich. Genau das passiert beim seitlich kippenden Becken im Laufschritt, beim Übereinanderschlagen der Beine, beim Stehen in der Hüfte und beim Schlafen mit dem oberen Knie nach unten gekippt. Dauerdehnen des Tractus und aggressives Faszienrollen über den Trochanter machen es deshalb oft schlimmer, weil sie die Sehne genau dort komprimieren, wo sie ohnehin gereizt ist.

Läufer von der Seite im Moment des einbeinigen Standes, das Becken kippt leicht zur Schwungbeinseite, der Standbein-Hüfte muss die Last abfangen
Im einbeinigen Stand kippt das Becken zur Schwungbeinseite, und die Standbein-Hüfte fängt die Last ab. Bei schwacher Hüftabduktion oder stark kippendem Becken steigt die Kompression der Gluteal-Sehne über den Knochen.

Bei Läuferinnen und Läufern ist der häufigste Auslöser eine zu schnelle Belastungssteigerung: ein Sprung im Wochenumfang, neue Bergab-Strecken, viel Tempoarbeit oder der Wiedereinstieg nach einer Pause mit zu viel auf einmal. Eine schwache Hüftabduktion und ein Laufstil mit stark kippendem Becken oder überkreuzendem Fußaufsatz erhöhen die Kompression zusätzlich. Dass Frauen häufiger betroffen sind, hat mit der Beckengeometrie zu tun, die den Zug- und Kompressionswinkel der Sehne ungünstiger macht. Wie du Umfänge sicher aufbaust, ohne die Sehne zu überfahren, behandeln wir im Artikel zur 10-Prozent-Regel der Umfangssteigerung.

Abgrenzung: seitlich, nicht hinten, vorn oder in der Leiste

Hüftschmerz ist nicht gleich Hüftschmerz, und der Ort entscheidet. GTPS sitzt seitlich, direkt über dem tastbaren Knochenvorsprung. Das unterscheidet es von drei nahen Verwechslungskandidaten. Das Piriformis-Syndrom sitzt tief im Gesäß und zieht über den Ischiasnerv manchmal ins Bein, also weiter hinten und tiefer. Der Adduktoren-Leistenschmerz sitzt am Innenschenkel und in der Leiste, also vorn-innen. Die Iliopsoas-Tendinopathie macht vorderen, tiefen, mittigen Leistenschmerz beim Anheben des Knies. Vier Strukturen, vier Schmerzorte, vier Reha-Wege.

Eine einfache Selbsteinordnung: Zeig mit dem Finger auf den lautesten Punkt. Seitlich über dem Knochen spricht für GTPS, tief im Gesäß für den Piriformis, am Innenschenkel oder in der Leiste für Adduktoren beziehungsweise Iliopsoas. Klinisch ist die Abgrenzung gut machbar. Eine Meta-Analyse zur Diagnose-Genauigkeit zeigt, dass die Kombination aus Druckschmerz direkt über der Gluteal-Sehne und Schmerz bei Hüftabduktion gegen Widerstand die Wahrscheinlichkeit eines GTPS bei seitlichem Hüftschmerz von 59 auf 96 Prozent hebt. Sind beide Tests negativ, sinkt sie von 59 auf 14 Prozent (Kinsella et al. 2024). Eine MRT ist für die Diagnose nicht zwingend, kann aber Sehnenrisse oder andere Ursachen sichern. Bei anhaltenden, nächtlich starken oder unklaren Schmerzen gehört das in fachärztliche Hände.

Reha: Last steuern statt Spritze zuerst

Hier hat sich die Behandlung in den letzten Jahren spürbar gewandelt, und das zugunsten von Bewegung. Die wichtigste Studie dazu ist die randomisierte LEAP-Studie (Mellor et al. 2018) mit 204 Betroffenen, davon rund 82 Prozent Frauen, Durchschnittsalter knapp 55 Jahre. Sie verglich drei Wege: Aufklärung plus Lastmanagement und Übungen, eine einzelne Kortison-Spritze und Abwarten. Nach acht Wochen berichteten 77 Prozent der Übungsgruppe von einer deutlichen Besserung, gegenüber 58 Prozent in der Spritzengruppe und nur 29 Prozent beim Abwarten. Auch nach einem Jahr lag die Übungsgruppe mit 79 Prozent vorn, die Spritzengruppe bei 57 Prozent. Eine Spritze kann also kurzfristig dämpfen, hält aber langfristig nicht mit.

Deutliche Besserung bei GTPS: Übung schlägt Spritze (LEAP-Studie)

Anteil mit deutlicher Besserung. Höherer Balken = mehr Betroffene besser. 0 25 50 75 % besser 77 58 29 nach 8 Wochen 79 57 52 nach 52 Wochen Aufklärung + Übung Kortison-Spritze Abwarten
Aufklärung plus Lastmanagement und Übungen brachte zu beiden Zeitpunkten den größten Anteil deutlich gebesserter Betroffener, die Kortison-Spritze hielt langfristig nicht mit (Mellor et al. 2018).

Eine systematische Übersicht mit Meta-Analyse von sechs RCTs (733 Betroffene) stützt das. Sie spricht eine starke Empfehlung für Bewegung als Erstbehandlung des GTPS aus, mit Vorteilen bei Schmerz, Funktion und Gesamteinschätzung gegenüber Kontrollbedingungen und einer langfristig besseren Gesamtbesserung als die Spritze (Kjeldsen et al. 2024). Eine Netzwerk-Meta-Analyse aus 19 RCTs bestätigt Bewegung als die Methode mit dem stärksten Effekt auf Schmerz und Funktion (Wang et al. 2025).

Frau in Seitlage auf einer Matte führt eine kontrollierte Hüftabduktion mit Widerstandsband aus, das obere Bein in Linie mit dem Körper, Knie übereinander
Hüftabduktion in Seitlage mit Band stärkt Gluteus medius und minimus gezielt, ohne die Sehne in komprimierender Adduktion zu reizen. Genau diese dosierte Last macht sie wieder belastbar, nicht reine Schonung.

Praktisch heißt das: Zuerst die schmerzauslösende Kompression reduzieren. Nicht mehr auf der betroffenen Seite schlafen, ein Kissen zwischen die Knie nehmen, die Beine nicht überschlagen, nicht in der Hüfte stehen und Dehnen oder Rollen über den Trochanter weglassen. Beim Laufen Umfang und Tempo vorübergehend drosseln und Bergab-Strecken meiden, ohne komplett aufzuhören. Das Herzstück ist progressives Krafttraining der Hüftabduktoren, das mit isometrischen Halteübungen in neutraler, nicht komprimierter Stellung beginnt und über Wochen mit einer progressiven Belastungssteigerung zu schwereren Abduktions- und Standübungen aufbaut. Begleitend stabilisieren Rumpf und Gesäß den Beckenstand im Laufschritt. So machst du die Sehne wieder belastbar, statt sie nur ruhigzustellen.

Beispiel-Einheit

Gestufte Belastung für die Gluteal-Sehne

nach Stufe, 3–5× pro Woche über mehrere Monate Schmerz bis 3/10
  1. Stufe 0, Kompression raus: nicht auf der Seite schlafen, Kissen zwischen die Knie, Beine nicht überschlagen, nicht in der Hüfte stehen, kein Dehnen oder Rollen über den Trochanter. Das ist die halbe Miete.
  2. Stufe 1, isometrisch: Hüftabduktion gegen Widerstand statisch halten, in neutraler Beinstellung ohne Adduktion, 4–5× 30–45 s. Belastet die Sehne, ohne sie zu komprimieren.
  3. Stufe 2, langsam und dynamisch: Hüftabduktion in Seitlage oder im Stand mit Band, 3–4 Sätze à 8–12 Wiederholungen, Last über Wochen steigern. Becken bewusst stabil halten.
  4. Stufe 3, einbeinig und funktionell: einbeinige Standübungen, Step-ups, Becken-Stabi, wenn Stufe 2 schmerzarm sitzt, weil das Standbein im Laufen genau diese Last trägt.
  5. Stufe 4, Lauf zurück: Umfang, Tempo und Bergab schrittweise wieder einbauen, damit die Sehne die Lauf-Last am Ende wieder verträgt.

Beispielhafte Orientierung aus der zitierten Evidenz, kein individueller Behandlungsplan. Steige in der Stufe ein, die schmerzarm geht, und lass anhaltende, nächtlich starke oder unklare Schmerzen ärztlich abklären, bevor du weiter belastest.

Seitlich am Knochen, nicht überall

Druckschmerz direkt über dem tastbaren Trochanter grenzt GTPS klar von Piriformis (Gesäß), Adduktoren (Innenschenkel) und Iliopsoas (vordere Leiste) ab.

Sehne, nicht nur Schleimbeutel

Hinter „Trochanter-Bursitis" steckt heute meist eine Gluteal-Tendinopathie. Das verschiebt die Behandlung weg von der Spritze hin zur Last.

Kompression ist der Trigger

Auf der Seite schlafen, Beine überschlagen, in der Hüfte stehen, Dehnen und Rollen über den Knochen reizen die Sehne. Genau das zuerst reduzieren.

Last steuern statt nur ruhen

Umfang, Tempo und Bergab in der Reizphase zurückfahren, ohne komplett aufzuhören. Reine Schonung heilt eine Sehne nicht, dosierte Last schon.

Übung schlägt Spritze

Aufklärung plus Krafttraining war der Spritze überlegen, kurz- und langfristig. Eine Spritze kann dämpfen, ersetzt aber die Reha nicht.

Hüftabduktoren gezielt stärken

Stufenweise: isometrisch halten, dann Abduktion mit Band, zuletzt einbeinige Standübungen. So trägt das Standbein die Lauf-Last wieder.