Das Wichtigste in Kürze

  • Die Bottom-Line: Für Cordyceps zeigt eine Meta-Analyse einen kleinen, aber statistisch fassbaren Effekt auf VO2peak und die ventilatorische Schwelle. Für Reishi gibt es im Ausdauerkontext kaum belastbare Leistungsdaten. Insgesamt ist die Evidenz dünn, die Studien sind klein, und ein zuverlässiger Wettkampfvorteil lässt sich daraus nicht ableiten.
  • Cordyceps, der interessantere Pilz. Eine Meta-Analyse über 8 Studien mit 288 Sportlern fand mit 2 bis 3 Gramm pro Tag über 6 bis 12 Wochen eine signifikante Verbesserung von VO2peak und ventilatorischer Schwelle, allerdings mit kleinen Effekten und auffälligem Publikationsbias.
  • Reishi bewegt eher Randmarker. Dieselbe Meta-Analyse zeigt für Ganoderma lucidum niedrigere Blutlaktat- und Harnstoffwerte und höhere Hämatokritwerte. Eine GRADE-bewertete Übersicht stuft die Gesamtevidenz aber als sehr niedrig ein.
  • Qualität ist das Quälste-Detail. Fruchtkörper, Myzel und Extrakte unterscheiden sich stark im Wirkstoffgehalt. Die Studien nutzten unterschiedliche Präparate, was den Vergleich erschwert und die Übertragung auf ein beliebiges Regal-Produkt begrenzt.
  • Die ehrliche Einordnung. Cordyceps ist kein Doping-Ersatz, aber von allen Vitalpilzen der mit der besten, wenn auch wackeligen Datenlage im Ausdauersport. Reishi punktet eher bei Stress und Erholung als bei der reinen Leistung.

Bringen Vitalpilze im Ausdauersport etwas?

Vitalpilze wie Cordyceps und Reishi bringen im Ausdauersport bestenfalls kleine Effekte. Für Cordyceps fand eine Meta-Analyse eine leichte Verbesserung von VO2peak und ventilatorischer Schwelle, für Reishi vor allem veränderte Blutmarker. Die Studien sind klein und uneinheitlich, einen verlässlichen Leistungsvorteil belegen sie nicht.

Vitalpilze, auch Heil- oder Funktionspilze genannt, sind seit Jahren ein Trend im Ausdauersport. Cordyceps und Reishi führen die Liste an, beworben als natürliche Sauerstoff-Booster, Energielieferanten und Anti-Stress-Helfer. Die Versprechen klingen verlockend. Mehr VO2max, schnellere Erholung, weniger Müdigkeit, also genau das, was du im Training willst. Diese Versprechen nehmen wir jetzt der Reihe nach auseinander und halten sie gegen das, was die Forschung tatsächlich findet.

Eine Abgrenzung vorweg, weil sie wichtig ist. Hier geht es um Cordyceps und Reishi als Nahrungsergänzung für gesunde Sportlerinnen und Sportler. Cordyceps meint heute meist die kultivierte Art Cordyceps militaris oder das Fermentationsprodukt Cs-4 von Cordyceps sinensis, nicht den teuren wilden Raupenpilz aus dem Hochland. Wir reden also über das Pulver und die Kapseln aus dem Sportregal.

Was Cordyceps und Reishi im Körper machen sollen

Die Theorie hinter dem Hype ist gar nicht abwegig. Cordyceps enthält zwei spannende Moleküle, Cordycepin und Adenosin. Cordycepin ähnelt dem körpereigenen Adenosin so stark, dass die Zelle es ähnlich verarbeitet. Dabei kann unter anderem der Energiesensor AMPK anspringen, der den Stoffwechsel reguliert und die Bildung neuer Mitochondrien anstößt. Daraus leitet die Werbung ab, dass der Pilz die Sauerstoffaufnahme und die ATP-Bildung in der Muskelzelle anheben könnte.

Markenneutrale Nahaufnahme von getrockneten orangefarbenen Cordyceps-Pilzen neben einem holzigen rotbraunen Reishi-Pilz und etwas losem braunem Pulver auf einer ruhigen hellgrauen Fläche, ohne Verpackung oder Etikett
Verkauft wird die Klasse als Pulver, Kapseln oder Extrakt, meist aus kultiviertem Cordyceps militaris und aus Ganoderma lucidum, dem Reishi. Die Mechanismen klingen plausibel, die entscheidende Frage bleibt aber, ob davon auch im Wettkampf etwas ankommt.

Reishi (Ganoderma lucidum) setzt an einer anderen Stelle an. Der holzige Pilz liefert Triterpene und Polysaccharide, vor allem Beta-Glucane, denen antioxidative, entzündungshemmende und stressregulierende Effekte zugeschrieben werden. Deshalb gilt Reishi traditionell als Adaptogen, also als Mittel, das dem Körper helfen soll, mit Stress umzugehen. Im Ausdauersport wäre das interessant für die Erholung zwischen harten Einheiten, weniger für die reine Leistung.

So einleuchtend beide Geschichten klingen, sie haben denselben Haken. Der Sprung von der Zellkultur oder vom Tierversuch zur echten Wettkampfleistung ist riesig. Was im Reagenzglas AMPK aktiviert, muss beim Menschen unter Belastung noch lange nichts bewegen. Genau an diesem Übergang wird die Datenlage dünn, und das schauen wir uns jetzt genauer an.

Was die Studien zu Cordyceps und Leistung zeigen

Die beste verfügbare Evidenz ist eine Meta-Analyse von Shu und Kollegen aus dem Jahr 2025. Über 8 Studien mit insgesamt 288 Sportlern fand sie mit 2 bis 3 Gramm Cordyceps sinensis täglich über 6 bis 12 Wochen eine signifikante Verbesserung der Ausdauerleistung, der ventilatorischen Schwelle und von VO2peak. Das klingt nach einem klaren Ja. Der Haken steckt in zwei Details. Die Effekte sind klein, und von 14 eingeschlossenen Studien berichteten 13 positive Ergebnisse. Wenn fast jede Studie zum gewünschten Ergebnis kommt, ist das ein typisches Warnsignal für Publikationsbias, also dafür, dass negative Studien gar nicht erst veröffentlicht wurden.

Wo Cordyceps und Reishi überhaupt etwas bewegen

Länge der Balken = wie stark der jeweilige Befund ausfällt (Meta-Analyse, kleine Effekte) Cordyceps · VO2peak klein, signifikant Cordyceps · Schwelle klein, signifikant Reishi · Leistung direkt kaum Daten Reishi · Blutmarker Laktat, Hämatokrit bewegt
Cordyceps zeigt kleine, signifikante Effekte auf VO2peak und ventilatorische Schwelle. Reishi liefert für die direkte Leistung kaum Daten, bewegt aber Blutmarker wie Laktat und Hämatokrit (Shu et al. 2025).

Schaut man in die Einzelstudien, zeigt sich dasselbe Muster aus kleinen Hinweisen. Die bekannteste ist ein VO2max-Experiment von Hirsch und Kollegen aus dem Jahr 2017. 28 Probanden nahmen 4 Gramm eines Cordyceps-militaris-Pilzblends pro Tag. Nach 3 Wochen lag ihr VO2max um 4,8 ml/kg/min höher als unter Placebo, und sie hielten die Belastung länger durch. Nach nur einer Woche tat sich dagegen noch nichts. Der Effekt braucht also Zeit, und er stammt aus einer kleinen Gruppe.

Eine ältere Studie von Chen und Kollegen aus dem Jahr 2010 mahnt zur Vorsicht. 20 ältere Probanden nahmen 12 Wochen lang Cs-4. Ihre metabolische Schwelle stieg um 10,5 Prozent, ihr VO2max blieb aber unverändert. Mal bewegt sich das eine, mal das andere, und nie alles. Genau diese Uneinheitlichkeit ist der Kern des Problems. Die Befunde gehen tendenziell in eine Richtung, aber sie sind klein, schwanken je nach Studie und stammen fast immer aus winzigen Stichproben. Cordyceps ist kein Schalter, der dir Watt freigibt.

Reishi: mehr Erholung als Leistung

Für Reishi sieht es im Leistungskontext noch dünner aus. In der Meta-Analyse von Shu bewegte Ganoderma lucidum vor allem Blutwerte, nicht die Stoppuhr. Das Blutlaktat und der Harnstoff fielen niedriger aus, der Hämatokrit und die Superoxiddismutase, ein Antioxidans-Enzym, stiegen leicht. Das deutet auf eine mögliche Rolle bei Erholung und oxidativem Stress hin. Es ist aber kein direkter Schub auf der Strecke, sondern eine Verschiebung von Markern, deren praktische Bedeutung offen bleibt.

Markenneutrales schlichtes Glas mit rotbraunem Reishi-Pulver, ein Holzlöffel und getrocknete Reishi-Scheiben neben einer Tasse Tee auf einer hellen Holzfläche, ruhige Erholungs-Stimmung, ohne Etikett oder Marke
Reishi wird im Sport vor allem als Adaptogen für die Erholung beworben. Im Ausdauerkontext bewegt der Pilz eher Blut- und Stressmarker als die reine Leistung.

Eine GRADE-bewertete Übersicht von Jafari und Kollegen aus dem Jahr 2025 fasst 17 Studien mit 971 Teilnehmern zusammen. Sie fand für Reishi eine leicht niedrigere Herzfrequenz, im Schnitt um knapp 4 Schläge pro Minute, und einen minimal niedrigeren Körpermasseindex. Entscheidend ist aber die Einordnung der Autoren selbst. Sie bewerten die Gesamtevidenz als sehr niedrig, weil 16 der 17 Studien methodisch schwach waren. Ein Befund aus überwiegend schwachen Studien ist ein Hinweis, kein Beleg.

Was heißt das für die Praxis? Reishi als Adaptogen gegen Trainingsstress ist eine plausible, aber offene Frage, kein gesicherter Leistungshebel. Wer nach besser belegten Wegen sucht, mit harten Phasen umzugehen, findet bei der aktiven Erholung und einer sauberen Trainingssteuerung deutlich solidere Hebel als in einem Pilzpulver.

Qualität, Dosis und ehrliche Einordnung

Hinter allen Zahlen steht ein Problem, das die ganze Forschung durchzieht. Es gibt nicht den einen Cordyceps und nicht das eine Reishi. Fruchtkörper, Myzel auf Getreide und konzentrierte Extrakte unterscheiden sich stark im Gehalt an Cordycepin, Polysacchariden und anderen Wirkstoffen. Die Studien nutzten ganz unterschiedliche Präparate, oft mit nicht genau quantifizierten Inhaltsstoffen und manchmal als Mehrkomponenten-Blend. Wenn aber im Versuch ein Pilz mit drei anderen Zutaten gemischt war, lässt sich der Effekt gar nicht sicher dem Pilz zuschreiben. Genau das macht die Übertragung der Studienergebnisse auf ein beliebiges Produkt aus dem Regal so wackelig.

Was bleibt unterm Strich? Cordyceps ist von den Vitalpilzen der mit der relativ besten Datenlage im Ausdauersport, mit kleinen Effekten auf VO2peak und Schwelle. Reishi scheint laut den Daten eher auf Stress, Erholung und Randmarker zu zielen als auf die direkte Leistung. Beides ersetzt kein Training. Wer die langen Grundlageneinheiten und die harten Intervalle liegen lässt, holt aus keinem Pulver etwas heraus. Wer sich für Mittel mit deutlich konsistenteren Effekten interessiert, findet bei Koffein im Ausdauersport eine Klasse, deren Nutzen die Forschung viel klarer zeigt. Und bei echten Mängeln, etwa bei Eisenmangel, hilft kein Pilz, sondern die gezielte Behebung der Ursache.

Zum Schluss ein nüchterner Hinweis aus der Forschung. Pilzextrakte können je nach Herkunft mit Schwermetallen belastet sein und mit Medikamenten wechselwirken, etwa mit Blutverdünnern. Das ist kein Grund zur Panik, aber ein weiteres Argument, ein Mittel mit dünnem Nutzen nicht auf gut Glück monatelang hoch zu dosieren. Wer es trotzdem ausprobieren will, sollte auf geprüfte Präparate achten und im Zweifel ärztlich abklären, ob etwas dagegen spricht.