Das Wichtigste in Kürze

  • Bei längeren Belastungen findet der systematische Review keinen Vorteil. Er wertet 18 randomisierte Crossover-Studien aus. Für Sprints sieht er Hinweise, mehr nicht, und nennt die Evidenz insgesamt uneindeutig.
  • Im 10-km-Zeitfahren blieb die Leistung praktisch gleich. Neun Fahrer traten mit rundem Blatt 340 Watt, mit ovalem 341 bis 342 Watt.
  • Im Sprint gehen die Befunde auseinander. Eine Studie fand bei 20 Sprintern 4,3 Prozent mehr Maximalleistung, eine bei 15 Profis 4,2 bis 9,1 Prozent im Wingate-Test, eine dritte bei 13 Fahrern keinen Unterschied.
  • Der Stoffwechsel reagiert in aller Regel nicht. In 12 von 13 physiologischen Studien des Reviews zeigte sich kein Nutzen.
  • Die Studien sind klein und kurz. Höchstens 20 Teilnehmende, kaum Eingewöhnung, und bei allen 18 sah der Review Bedenken zur Verzerrung.

Was ovale Kettenblätter sind und was sie versprechen

Ein ovales Kettenblatt ist eine Ellipse statt eines Kreises. Die Kette läuft über einen wechselnden Radius, und deshalb dreht die Kurbel nicht gleichmäßig. Sie läuft langsamer, wenn der Fuß kräftig nach unten drückt, und schneller an den beiden Totpunkten oben und unten. Wie stark das ausfällt, beschreibt die Ovalität, das Verhältnis der langen zur kurzen Achse. In den Studien liegt sie zwischen 1,09 und 1,36, gebräuchlich sind Werte um 1,10 bis 1,25.

Das Versprechen klingt logisch. Wer die schwache Phase der Pedalumdrehung schneller durchläuft und die starke länger auskostet, so die Werbung, tritt mehr Leistung bei gleichem Aufwand. Dazu kommen die Schlagworte rundere Bewegung, weniger toter Punkt, geringere Ermüdung.

Logik ist aber keine Messung. Die Kurbel ist an das Bein gekoppelt, und das Bein ist an ein Nervensystem gekoppelt, das auf die veränderte Bewegung reagiert. Ob am Ende mehr Watt am Hinterrad ankommen, entscheidet sich im Versuch. Genau dort sieht die Lage deutlich nüchterner aus als in der Produktwerbung.

Rennrad im Montageständer von der Antriebsseite, Blick auf Kurbel, Kettenblatt und gleichmäßig laufende Kette in einer Werkstatt
Die Kette läuft in einer Schleife über ein Blatt. Ob dessen Form etwas ändert, ist die Frage dieses Artikels.

Was der systematische Review zeigt

Maia und Kollegen (2025) haben die Literatur in fünf Datenbanken durchsucht, nach PRISMA-Standard und mit vorab registriertem Protokoll. Aus 291 Treffern blieben 18 randomisierte Crossover-Studien übrig, zusammen 227 Teilnehmende, von Freizeitfahrern bis zu Elitefahrern. 14 Studien maßen die Leistung, 13 physiologische Größen wie Sauerstoffaufnahme, Herzfrequenz und Laktat.

Das Ergebnis ist kurz. Bei längeren Belastungen verbesserten ovale Blätter weder die Leistung noch die physiologischen Werte. Von den 13 physiologischen Studien fand eine einzige einen Vorteil bei der Sauerstoffaufnahme, eine andere sogar eine niedrigere. Hinweise auf einen Gewinn gab es nur bei kurzen, hochintensiven Anstrengungen, also Sprints. Die Autoren schreiben selbst: Die Evidenz bleibt uneindeutig.

Dazu kommt die Güte der Studien. Mit dem Bewertungsinstrument RoB 2 sah der Review bei allen 18 Studien Bedenken zur Verzerrung. Bei jeder einzelnen betraf das das selektive Berichten, bei der Hälfte Abweichungen vom geplanten Ablauf. Der Review rechnet keinen gemeinsamen Effekt aus. Er ist eine strukturierte Bestandsaufnahme, keine Meta-Analyse.

Unser Urteil: Für ovale Blätter fehlt ein Beleg, dass sie Ausdauerleistung verbessern. Das heißt nicht, dass sie schaden oder dass der Effekt exakt null ist. Es heißt, dass die vorhandenen Studien ihn nicht zeigen.

Dauerleistung gegen Sprint: wo die Studien auseinandergehen

Fangen wir bei der Ausdauer an. Peiffer und Abbiss (2010) ließen neun Radfahrer drei 10-km-Zeitfahren fahren, einmal mit rundem Blatt und zweimal mit ovalem in zwei Einstellungen, der Reihenfolge nach ausgelost. Die mittlere Leistung betrug 340 ± 30 Watt mit rundem Blatt und 342 ± 29 sowie 341 ± 31 Watt mit dem ovalen. Das ist keine Differenz, die ein Leistungsmesser hergibt. Die Herzfrequenz lag in einer der beiden ovalen Einstellungen sogar höher, 174 gegen 171 Schläge pro Minute.

Hull und Kollegen (1992) hatten schon früher elf Fahrer bei 60 und 80 Prozent ihrer maximalen Sauerstoffaufnahme auf vier Blättern getestet, darunter zwei Ellipsen mit dem Achsenverhältnis 1,36. Keine physiologische Größe unterschied sich. Leong und Kollegen (2022) kamen 30 Jahre später mit acht Fahrern und Ovalitäten von 1,13 und 1,24 zum selben Schluss: weder geringerer Energieverbrauch noch besserer Wirkungsgrad. Ihre Formulierung: Ovale Blätter verbessern das Treten bei moderater Belastung weder, noch verschlechtern sie es.

Und der Sprint? Hier wird es interessant, und widersprüchlich.

Im Sprint sieht man einen Unterschied, im Zeitfahren nicht

0 2 4 6 8 10 Leistungsdifferenz ovales gegen rundes Blatt in Prozent Sprint, 20 Sprinter Maximalleistung (Hintzy 2016) +4,3 % Wingate-Test, 15 Profis Maximalleistung (Rodríguez-Marroyo 2009) +4,2 bis 9,1 % 10-km-Zeitfahren, 9 Fahrer mittlere Leistung (Peiffer 2010) +0,3 bis 0,6 %, n. s. Maximalleistung, 13 Fahrer kein Unterschied (Leong 2017) Differenz im Abstract nicht beziffert
Unterschiedliche Messgrößen, deshalb kein direkter Vergleich: Maximalleistung im Sprint gegen Mittelwert über 10 km. Das Zeitfahren ist aus den berichteten Mittelwerten errechnet. Quellen: die genannten Einzelstudien.

Hintzy und Kollegen (2016) ließen 20 Sprinter auf dem Ergometer acht Sekunden lang sprinten. Mit einem Blatt der Ovalität 1,25 lag die Maximalleistung 4,3 Prozent höher, getragen von einer größeren Kraft in der Abwärtsphase. Der Vorteil zeigte sich nur bei hohen Trittfrequenzen. Rodríguez-Marroyo und Kollegen (2009) ließen 15 Profis den Wingate-Test fahren: Die Maximalleistung lag je nach Einstellung 4,2 bis 9,1 Prozent höher, die aeroben Tests zeigten keinen Unterschied.

Leong und Kollegen (2017) fanden das Gegenteil. Bei 13 Fahrern in maximaler Beschleunigung und bei 10 im isokinetischen Treten mit 120 Umdrehungen pro Minute unterschieden sich Maximalleistung und optimale Trittfrequenz zwischen den Blättern nicht. Auch Mateo-March und Kollegen (2014) bleiben vorsichtig: Im 3,95 Sekunden langen BMX-Start kam die Elitegruppe mit dem ovalen Blatt 0,26 Meter weiter, die Nachwuchsgruppe nicht, und deren Spitzenleistung lag mit dem runden Blatt sogar höher.

Zwei Lager also, und beide haben Daten. Wer es genauer wissen will, findet den Grund meist im Aufbau: andere Ovalität, andere Kurbelstellung zur langen Achse, andere Fahrer, andere Einstellung. Dass derselbe Effekt mal 4 Prozent und mal null beträgt, ist für ein Produkt mit konstantem Versprechen ein schwaches Signal.

Bleibt ein Ausreißer. Hintzy und Horvais (2016) fanden bei zehn Nicht-Radsportlern im Stufentest eine höhere maximale Leistung mit dem ovalen Blatt, 362,6 gegen 338,8 Watt. Die Autoren erklären das mit etwas weniger Energieverbrauch in der ersten Stufe bei 100 Watt und schreiben selbst, dass der Vorteil nur bei Nicht-Radsportlern auftrat. Für trainierte Fahrer taugt der Befund nicht.

Warum die Studienlage dünn bleibt

Der Review nennt die Gründe selbst. Fast alle Studien sind akute Vergleiche: Ein Fahrer sitzt ein- oder zweimal auf dem ungewohnten Blatt und wird gemessen. Eine Eingewöhnungsphase fehlt meist. Die Stichproben bleiben bei 20 Teilnehmenden oder darunter, und bei so kleinen Gruppen übersieht man echte, kleine Effekte leicht. Dass alle 18 Studien beim selektiven Berichten auffielen, kommt hinzu.

Warum ist die Eingewöhnung so wichtig? Weil das Bein nicht passiv bleibt. Leong und Kollegen (2017) zeigten, dass Fahrer auf unrunden Blättern ihre Bewegung umbauen: Sie hielten Knie und Hüfte nahe an der gewohnten Bewegung und glichen die Form mit dem Sprunggelenk aus. Ihr Schluss lautet, dass das Verlängern der kräftigen Phasen und das Verkürzen der Übergänge für die Maximalleistung sogar ungünstig sein könnte. Das ist eine Deutung, kein Beweis. Aber sie erklärt, warum Papierrechnung und Messung auseinanderlaufen.

Haab und Kollegen (2024) untersuchten die Umgewöhnung direkt. 36 Teilnehmende traten auf dem Ergometer abwechselnd mit rundem und unrundem Blatt. Das Üben auf dem runden Blatt übertrug sich positiv auf das unrunde, die Effektivität des Drehmoments änderte sich nicht. In einer späteren Phase war die gleichzeitige Anspannung gegenspielender Muskeln mit dem unrunden Blatt etwas höher, in absoluten Zahlen klein. Die Autoren lesen darin eine verfeinerte Bewegungskontrolle.

Ein rundes und ein ovales Kettenblatt aus mattgrauem Aluminium liegen leicht versetzt übereinander auf einer grauen Gummimatte, daneben ein Metalllineal und ein Bleistift
Gleiche Größe, andere Form. Der Unterschied am Rand ist klein, und genau so klein fallen die Effekte in den Studien aus.

Auf der Gelenkebene gibt es dagegen messbare Veränderungen. Strutzenberger und Kollegen (2014) ließen 14 Elitefahrer bei 180 und 300 Watt mit Ovalitäten bis 1,215 fahren. Nur das stärkste Oval ging mit kleineren Kniegelenksmomenten und einem größeren Anteil der Hüfte an der Leistung einher, deutlicher bei höheren Trittfrequenzen. Ob das etwas für Leistung oder Beschwerden bedeutet, hat die Studie nicht geprüft. Sie beschreibt nur, wie die Leistung verteilt wird.

Das fasst die Lage zusammen. Der Körper reagiert auf das Blatt. Ob die Reaktion nutzt, ist offen.

Was die Evidenz für deine Entscheidung hergibt

Zuerst das Ehrliche: Die Evidenz trägt keinen Leistungsvorteil für Ausdauerfahrten, weder im Zeitfahren noch beim Stoffwechsel. Wer mit einem ovalen Blatt fährt und sich besser fühlt, hat damit nicht unrecht. Gefühl und Messung können auseinanderliegen, und das Gefühl hat durchaus seine Berechtigung, nur eben keine Studie hinter sich.

Für Sprints ist das Bild ein anderes, aber nicht eindeutig. Zwei Studien sehen mehr Maximalleistung, eine nicht, und die Messwerte stammen aus Labortests über Sekunden. Wie viel davon in einem Zielsprint nach Stunden im Sattel ankäme, hat keine Studie gemessen.

Bei den Kosten zählt, was im Vergleich dazu belegt ist. Auf dem Papier ist ein Blatt ein kleiner Posten, aber die Frage lautet immer, ob dieselbe Aufmerksamkeit anderswo mehr bringt. Die Trittfrequenz hat zum Beispiel eigene Befunde, die du in unserem Artikel zur Trittfrequenz beim Radfahren findest. Welche Übersetzung am Antrieb Watt kostet, steht bei 1-fach gegen 2-fach, und eine Kette, die sauber läuft, ist Thema in Kettenpflege und Antriebseffizienz. Ein ähnliches Bild liefern die Keramik-Lager: viel Werbung, wenig Review-Evidenz.

Auch die Position bewegt mehr, als eine Blattform es nach den Studien vermuten lässt. Das erklärt Bikefitting und Sitzposition. Und für alle, die auf Marginal Gains setzen: Ein Gewinn, den man im Zeitfahren nicht messen kann, ist in der Trainingsplanung kein Argument.

Unser Urteil für Altersklassenfahrer: Ovale Blätter sind für die Ausdauer unbelegt, für den Sprint offen. Das reicht nicht, um die Trainingswoche daran auszurichten, und es reicht auch nicht, um das Material zu verurteilen.